Ein Gespräch mit Volker Caysa.
EiGENSiNN: Herr Caysa, Sie beschäftigen sich derzeit intensiv mit einer
Ausarbeitung der
Grundbegrifflichkeiten für eine Anthropologie des Körpers,
bei der die Theorie des Empraktischen im
Mittelpunkt steht. Sie haben zusammen
mit dem Berliner Philosophieprofessor Gunter Gebauer den Arbeitskreis
„Anthropologie
des Körpers“ ins Leben gerufen. Womit beschäftigt sich dieser?
Caysa: Der Arbeitskreis „Anthropologie des Körpers“ innerhalb
der
Nietzsche-Gesellschaft hat den Anspruch, eine moderne Körperphilosophie
zu entwickeln, um die Tendenzen der
gegenwärtigen Körperkultur und
deren Revolutionierung zu analysieren. Gleichzeitig wollen wir die mit der
bioethischen
Krise verbundenen neuen Themen auch in die Philosophie einbringen; wir wollen
Ernst machen mit
Nietzsches Forderung, am „Leitfaden des Leibes“
zu philosophieren.

Volker Caysa
EiGENSiNN: In Ihren Überlegungen schließen Sie an der Philosophie
Nietzsches an, der ein
radikaler Denker des existenziellen Individualismus ist.
Diesem Kontext entspringt der Begriff des
„Übermenschen“. Wie
könnte eine gegenwartsrelevante Konzeption dessen aussehen? Welche Züge
zeichnen ihn im Jetzt und Hier unserer Gesellschaft aus?
Caysa: Man muß Nietzsches
Begriff des „Übermenschen“
säkularisieren und das heißt, man sollte den
„Übermenschen“
in einem schwachen Sinne bestimmen: als Mensch, der sich selbst überwindet.
Und wenn man den „Übermenschen“ in diesem schwachen Sinne deutet,
ist er sogar den „letzten
Menschen“, die nach dem Glück streben,
möglich. Neu ist allerdings bei der Thematisierung des
„Übermenschen“
in unserer Zeit, im Anschluß an Nietzsche, daß wir nun heute
tatsächlich
die Illusion haben können, den „Übermenschen“ technologisch
zu gestalten,
und das bedeutet wiederum, daß wir unsere Züchtungsphantasien
per Biotechnologie umsetzen können.
Gerade in Bezug auf diese neuen technologischen
Selbstverhältnisse muß sich der Mensch neu selbst bestimmen.
Das
scheint mir eines der Hauptprobleme, wenn nicht das Kernproblem der Selbstüberwindung
des Menschen durch
sich selbst. Man könnte auch sagen, durch den biotechnologischen
Fortschritt sind wir in eine neue Phase der
Autoevolution eingetreten, und ich
denke, Nietzsche versuchte durchaus mit der Idee des „Übermenschen“
diese Autoevolution zu thematisieren.
EiGENSiNN: Kann man von einer Sinnsuche in sowohl
aktiven, wie auch passiven
Wahnsinn sprechen, wenn ersterer den Aufbau eigener, und das heißt individuell
selbst gesetzter Rauschwelten und damit Lebenswelten, und letzterer ausschließlich
vor-gesetzte gesellschaftliche
Strukturen impliziert?
Caysa: Ich denke, die Rauschsuche oder die Sinnsuche im aktiven und
passiven
Wahnsinn realisiert sich auf verschiedenste Art und Weise über Selbstbestimmung
und
Vorgegebenheiten. Man kann nicht sagen, Sinnsuche sei allein absolute Selbstbestimmung,
sondern Sinnsuche bewegt sich
immer im Spannungsfeld von Autonomie und Heteronomie.
Natürlich streben wir nach Autonomie, aber das ist eben nur
möglich
vor dem Hintergrund der Erfahrung von Heteronomie und so, denke ich, wird der
aktive Wahnsinn nur
möglich im Gegensatz, in Konfrontation mit dem passiven
Wahnsinn. Eine absolute Dominanz nur der einen Seite wird
es nicht geben. Das
Wichtigste scheint mir aber zu sein, daß man sowohl beim aktiven wie auch
beim passiven
Wahnsinn die damit verbundenen Sehnsüchte, Wünsche und
Triebe der Menschen nicht als Trivialkultur und damit
als nicht-philosophisch
abtut, sondern daß man das „Triviale“, dieses
„Nicht-Philosophische“
in unser aller Existenz endlich ernst nimmt.
EiGENSiNN:
Der Rausch ist seit jeher eine grundlegende gemeinschaftsstiftende
Komponente des menschlichen Lebens. Welche Bedeutung
hat er für unser Zeitalter,
das Zeitalter der Individuation? Anders gefragt: Welchen gemeinschaftlichen
Kern
trägt Nietzsches „Zarathustra“ in sich?
Caysa: Den Gemeinschaft bildenden Kern
des „Zarathustra“ sehe ich
darin, daß er uns zu radikaler Selbstgestaltung aufruft. Dieses
könnte
das neue Gemeinschaftliche, das Verbindende, das Ein-Bindende im „Zarathustra“-Konzept
sein. Man muß aber auch ganz klar sagen, daß dieser Aufruf zu radikaler
Selbstgestaltung auch Gemeinschaft
verhindern könnte. Er kann zu einem
extremen Individualismus führen, der als solcher natürlich auch
Gemeinschaft
verhindern kann. Die Frage ist also, wie weit sich dieser radikale Individualismus
als
Selbstgestaltung selbst begrenzen können muß und eben nicht nur
entgrenzen um zu funktionieren.
EiGENSiNN: Wie kann man im Anschluß an Nietzsche vom Individualismus
zu einem neuen Konzept von
Gemeinschaft gelangen?
Caysa: Ich glaube, man kann Nietzsches „Zarathustra“-Projekt
auch
als ein Utopieprojekt lesen, und dann stellt sich die Frage: Wie wird in dieser
Utopie Gemeinschaftlichkeit
hergestellt? Wie wird eine Wir-Utopie im „Zarathustra“-Projekt
möglich? Meines Erachtens auf der Basis
einer Ich-Utopie. Man kann aber
nicht sagen, daß es entweder um die Verwirklichung von Ich-Utopien, oder
von Wir-Utopien geht, sondern es geht dabei vor allem darum, das Begründungsverhältnis
von Ich- und
Wir-Utopien neu zu bestimmen. Der Mangel der alten Wir-Utopien
besteht vor allem darin, daß die Ich-Utopie
vernachlässigt wurde
und das Ich sich radikal dem Wir unterzuordnen hatte, so daß das Ich in
der
Wir-Utopie verloren ging. Dieser Zustand muß aufgehoben werden. Deshalb
muß das Verhältnis von Ich-
und Wir-Utopien in der Begründung
von Utopien neu bestimmt werden. Dafür steht für mich Nietzsches
radikaler
Individualismus, der als solcher aber nicht schlechthin antigemeinschaftlich
zu verstehen ist, sondern
als Gemeinschaftskonzept auf der Basis von gemäßigter
Selbstgestaltung.
EiGENSiNN: Welchen philosophischen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Begriff
des Empraktischen und
dem des Rausches?
Caysa: Der Rausch ist für uns eine elementare Erlebnisform des
Empraktischen
als einem gelingenden Funktionieren von Handeln – ohne Nachdenken und
ohne metastufige
Reflexion. Das Empraktische kann auch in anderen Formen auftreten.
Vor allem aber geht uns das Empraktische als
Rauschzustand an. Dabei ist aber
nicht jeder Rauschzustand als Empraktisches zu bestimmen. Das Empraktische fasziniert
uns, wenn wir es als Art und Weise des Rausches erleben. Aber es kann noch in
anderen Formen auftreten, wie zum
Beispiel in Form von instinktivem Handeln,
von triebhaftem Handeln, von schweigendem Handeln. Es müssen also nicht
unbedingt Rauschformen sein, in denen das Empraktische auftritt – aber
alle seine Erscheinungsformen
können in ihrer Steigerung zu Rauschformen
werden.
EiGENSiNN: Kann man von einer neuen
Theorie des Empratischen sprechen oder
trifft das Wort „Theorie“ beim Empraktischen nicht wirklich den
Sinn der Sache?
Caysa: Wenn man sich erst einmal fragt, wie der Begriff des Empraktischen in
die Philosophie gewandert ist, dann wird man feststellen, daß ihn Karl
Bühler in seiner Sprachphilosophie
erstmals philosophisch verwendet hat.
Es ist das Verdienst von Pirmin Stekeler-Weithofer, diesen Begriff aufgenommen
zu haben und, wie ich denke, erst einmal im strengen Sinne auch wirklich zu
einem Begriff gemacht zu haben. Jetzt
stellt sich die Frage, was für eine
Idee in diesem Begriff enthalten ist, was der Begriff für
Möglichkeiten
hat, um die Vorgängigkeitsstrukturen unserer Praxisverhältnisse zu
thematisieren.
Wenn es gelingen soll, aus diesem abstrakten Begriff des Empraktischen
wirklich eine konkrete Theorie zu entwickeln,
dann muß man ihn daraufhin
abklopfen, was er für Möglichkeiten bietet, Lebens- und Existenzprobleme
in einer säkularisierten Form zu reformulieren. Die Frage ist in welchem
Maße er etwas neu, tiefer und
klarer beschreiben könnte, wie es bisher
eben noch nicht möglich war oder wozu man bisher Gedankenformen
nutzen
mußte, die nicht mehr der Rationalität unserer technisch-wissenschaftlichen
Welt entsprechen,
wie zum Beispiel mystische Gedankenformen.
EiGENSiNN: Sehen Sie in einer möglichen Theorie
des Empraktischen eine
neue funktionale Erkenntnisstruktur von Politik? Wenn ja, was für eine
Form von
Politik ist das?
Caysa: Im Empraktischen zeigt sich, daß man auch Politik in einem
anscheinend
unpolitischen Sinne machen kann: Indem zum Beispiel Körper rauschhaft funktionieren,
realisieren
sie menschliche Selbstverhältnisse, die auf neue Art und Weise
Gemeinschaft stiften und sich aufeinander
gemeinschaftlich beziehen. In diesem
Sinne sind sie politisch. Man kann also sagen, daß der Begriff des
Politischen
in seiner Fixierung auf das Staatliche und institutionell Vergemeinschaftete
aufgebrochen werden
könnte, hin auf die Selbstgestaltungsmöglichkeiten
für die Individuen und deren neue Ideen von
Gemeinschaftlichkeit in ihrem
Körpergebrauch – ohne daß sie das jetzt schon explizit
wüßten.
EiGENSiNN: Herr Caysa, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte Konstanze Schwarzwald.
Volker Caysa,
lehrt derzeit Philosophie an den Universitäten Lódz
und Leipzig. Zu seinen Publikationen
gehören:
Körperutopien. Eine philosophische Anthropologie des Sports. Frankfurt
a. Main 2003.
Kritik als Utopie der Selbstregierung. Über die existenzielle Wende
der
Kritik nach Nietzsche. Berlin 2005.