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Erschienen in: Ausgabe #1 vom Juli 2003


von Sven-Uwe Janietz

Ein Tag an der Freien Universit├Ąt Berlin

Die Freie Universität Berlin besteht aus einem ausgedehnten Campus im Stadtteil Steglitz (oder einem angrenzenden), fernab der hektischen City. Die Universitätsgebäude befinden sich inmitten eines Villenviertels, dass von zahlreiche Grünflächen, Hecken und Alleen geprägt ist – schwer vorzustellen, dass ausgerechnet hier das Epizentrum der 68er-Bewegung gewesen sein soll. In der Habelschwerdter-Allee finden wir das Institut für Philosophie, von außen wirkt das Ganze wie ein nicht allzu groß geratener zweigeschossiger Bau in einer Architektur, die wohl in den frühen 80ern als ziemlich modern gegolten hätte.


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Philosophie-Institut der FU Berlin


Wenn man dann näher tritt, stechen die Details ins Auge, zum Beispiel, dass gut und gerne drei Viertel der Außenwände aus Glas bestehen, man quasi überall reingucken kann (außer in die Dozentenbüros) und auch drinnen nur ein Minimum an Kunstlicht gebraucht wird, selbst das Dach wirkt ungewöhnlich, als sei es aus Zeltbahnen zusammengelegt worden.


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Foyer


Wenn man schließlich im Foyer steht, wird die Freude noch größer, dort gibt es nämlich Kaffee, Tee, Schoko- und Öko-Riegel für ziemlich wenig Geld zur Selbstbedienung und man hat darüber hinaus gleich noch die Gelegenheit die benutzte Tasse in der Institutsküche abzuwaschen und dabei unverbindlichen Smalltalk mit Berliner Philosophiestudenten zu führen. Dort erfährt man zum Beispiel wo die Bibliothek des Institutes ist, nämlich drei Türen weiter – Grund genug um sich gleich mal dorthin zu begeben. Man steht dann direkt einer riesigen Glaswand gegenüber, vor der sich eine Treppe im Radius von zehn Metern nach unten wändelt , es fällt sofort das kunstvoll verschweißte Treppengeländer auf, dass in allerlei Variationen im ganzen Gebäude verteilt ist – erinnert ein bisschen an Jugendstil… Nachdem man die halbe Treppe hinab gestiegen ist quert man eine Tür, die durch die erwähnte Glaswand hindurchführt und zwar hinaus in den grünen Garten, dort führt ein schmaler Steg auf einen bewachsenen Pfad, der auf eine kleine Anhöhe führt – die Vögel zwitschern und die Sonne scheint – auf der Anhöhe steht ein Baum der Schatten spendet, irgendwo liegen ein paar Studenten rum und blättern in Suhrkamp-Büchern. Ist das ein Traum ? Nein das ist nur der Bibliotheksgarten der FU-Philosophen, alle Achtung, die Griechen können es kaum idyllischer gehabt haben. Vom Rasen aus sieht man das Gebäude dann von der anderen Seite, sämtliche Büros, vermutlich die wichtiger Dozenten, haben ebenfalls riesige Fenster und zudem verfügt ein jedes über einen kleinen Balkon zum Garten hinaus, eindeutig: keine schlechten Arbeitsbedingungen. Zurück in der Bibliothek, die Sitzmöglichkeiten gruppieren sich vor dem Riesenfenster, man darf Kaffeetassen mit sich führen und es herrscht echte Ruhe. Der Bücherbestand ist enorm, grob geschätzt, etwa das doppelte der Leipziger Philosophie-Abteilung – hier ist mit Sicherheit das ideale Plätzchen um ein paar Seiten Tugendhat zu lesen.


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Abgang zur Philosophiebibliothek


Einige Stunden später: ich habe mich erneut in den Garten begeben und finde das Gebäude immer noch äußerst eindrucksvoll, irgendwie anthroposophisch, auf jeden Fall gelungen. Es wundert somit auch nicht mehr sonderlich, dass direkt vom Garten, durch eine (wie sollte es auch anders sein) überdimensionierte Glastür in den großen Seminarraum eintreten kann, es sitzen schon einige Teilnehmer dort bereit. Zehn Minuten später ist der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt, spätestens jetzt merkt man, dass es hier wohl auch nicht unbeträchtliche Studentenzahlen gibt – aber OK, die folgende Veranstaltung, das Hauptseminar „Gerechtigkeit“ , dürfte ein Publikumsmagnet sein, nicht zuletzt, weil sie von den beiden Professoren Peter Bieri und Holm Tetens geleitet wird. Die beiden treffen pünktlich „Viertel nach“ ein und das Seminar geht los, Referat, Diskussion das übliche, diesmal unterhält man sich über eine Schrift von Habermas. Die Moderation und Führung übernimmt hauptsächlich Bieri, der einen ganz leichten Schweizer Akzent erkennen lässt, das Niveau ist ziemlich hoch nur die Akustik lässt zu wünschen übrig. Eineinhalb Stunden später strömen die Leute aus dem Seminarraum ins Foyer, fallen über den Kaffeestand her und unterhalten sich in kleinen Gruppen über Prozeduralismus und das letzte Wochenende.


Mein Eindruck vom Philosophie-Institut der FU Berlin ist ein durchweg positiver und wer in den Ferien mal eine Hausarbeit an „fremden Orten“ verfassen möchte, dem sei zum Berlin-Urlaub und zum Besuch der FU-Philosophie-Bibliothek geraten.