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Erschienen in: Ausgabe #3 vom Juli 2004


von Daniel Santelmann

Studium in Frankreich: Rennes

Es ist Dienstagmorgen, ich entscheide mich wegen knapper Zeit dagegen, noch einen Kaffee zu kochen, und trete aus dem Wohnheimsgebäude ins Freie. Vor mir sehe ich weitere Wohnheime, dazwischen viel Grün, es ist eine ganze Studentensiedlung, eine Cité Universitaire oder kurz Cité U. Ich atme die frische Luft ein, blicke kurz in den wie so oft Regen ankündigenden Himmel und marschiere los Richtung Campus. Der ist gleich nebenan, keine 300 Meter habe ich zu laufen, um zur Philosophie zu gelangen, zur Bibliothek ist es auch nicht viel weiter.


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Wohnheim in der Cite U - es könnte schlimmer sein


Ankommende Erasmusstudenten werden hier alle erstmal in diese großen und nicht übermäßig gemütlichen Wohnheimskomplexe verfrachtet, das hat aber auch den Vorteil, dass man eine sichere Unterkunft hat, die zudem nicht teuer ist. Ich zahle 124 Euro im Monat, beziehungsweise letztlich nur 88, da der französische Staat bereitwillig Studenten beim Aufbringen ihrer Mietzahlungen unterstützt. Allocation pour le logement (APL) heißt diese Unterstützung und ich habe Leute getroffen, die für ein WG-Zimmer, das sie 250 Euro Miete kostet 120 Euro Unterstützung im Monat erhalten. Wie genau sich diese Sätze errechnen, ist jedem hier ein Mysterium, aber in jedem Falle relativiert diese Institution die in Frankreich sonst doch eher hohen Mieten in WGs und Wohnungen. Und WGs gibt es hier, weniger als in Deutschland zwar, aber es gibt sie. Auch ich hatte eine Weile nach einem WG-Zimmer gesucht, wollte den verschiedenen Unbillen der Cité U entfliehen und die Vorteile des WG-Lebens auch in Frankreich einmal erleben. Nach ausgiebigem Suchen fand ich auch ein interessantes Objekt, im Stadtzentrum, ein angenehmer Kontrast zum Campusgelände, ich war zufrieden. Allein die Wohnung brannte ab, bevor ich den Umzug vollziehen konnte. Und so beende ich dies Jahr, wie ich’s begonnen habe, im Wohnheim.


Zur Fotoserie "Uni Rennes"


Bei den Gebäuden, in denen die Philosophie gelehrt wird, angekommen, springe ich noch schnell eine kleine Treppe hinunter und betrete über einen leicht versteckten Eingang die Cafeteria, um mich von einem Café Crème und einem Pain au Chocolat in den Kurs begleiten zu lassen. Ich habe begonnen, hier immer von Kurs zu sprechen, weil es die Unterscheidung zwischen Seminar und Vorlesungen nicht wirklich gibt. Im Grunde gibt es vor allem keine Seminare, wie wir sie in Deutschland kennen, es sind weder regelmäßige Referate, noch Diskussionen vorgesehen, nicht mal konkrete Textstücke werden zum Lesen aufgegeben. Es sind quasi alles Vorlesungen (cours magistral), aber ich nenne sie Kurse.


In einen solchen also begleitet mich mein Kaffee und mein Pain au Chocolat. In den Kursen essen und trinken tue ich nach wie vor nicht so selbstverständlich wie in Deutschland, d.h. Trinken ist kein Problem, aber das gute Gebäckstück bleibt oftmals bis zur Pause unberührt auf dem Tische liegen. Einfach weil sofort zahlreiche Augenpaare sich auf mich richten, wenn ich knisternd in den Blätterteig beiße, die Franzosen essen nicht im 'Unterricht’. Die französischen Studenten tun überhaupt so manches nicht, was die deutschen tun. Sie kommen selten zu spät, sie verlassen niemals vorzeitig eine Veranstaltung, sie stellen seltenst Fragen und sie diskutieren nicht mit ihren Kommilitonen über Philosophie, weder innerhalb noch außerhalb der Kurse.


Es ist ein Kurs über Quine, Willard van Orman Quine, bei einem jungen goldgelockten Dozenten mit Pausbäckchen und dem Namen Ludwig, der schmunzelnd seine Powerpoint-Präsentationen, die alle seine Kurse begleiten, mit kleinen Bild- und Ton-Effekten versieht. Er ist ein guter Dozent, mein Lieblingsdozent hier, er hat viel Spaß an dem, was er macht, nicht nur an der Technik sondern auch an der Philosophie (besonders der analytischen), kann sehr gut erklären und die Powerpointpräsentationen, auf denen er die zentralen Punkte zusammenfasst, sind hilfreich.

Analytische Philosophie in Frankreich also? In Rennes ja. Zwei Dozenten des generell eher kleinen Instituts beschäftigen sich ausschließlich mit diesem Zweig. Pascal Ludwig und Filipe Drapeau-Contim, der Rockstar des Instituts. Er ist noch ein Stückchen jünger, trägt stets, auch während der Kurse, eine Lederjacke und hat mit seiner blonden Tolle, die ihm immer wieder vor die Augen fällt, die Frisur eines Rockstars, oder vielleicht doch eher Popstars? Jedenfalls cool. Wenn auch erstaunlicherweise alle Frauen, die ich gefragt habe, nicht übermäßig von ihm beeindruckt waren. Ich finde ihn cool.


Doch ich verliere mich in Einzelheiten. Über das Philosophiestudium in Frankreich soll ich berichten.


Nun das Charakteristischste ist wirklich die Tatsache, dass es nur Kurse, also praktisch nur Vorlesungen gibt. Als Student sagt man nichts, man schreibt mit, und das wie gedopt, denn die Dozenten haben viel zu sagen. Das hat natürlich die nahe liegenden Nachteile: Man setzt sich viel weniger selbst mit den Theorien auseinander, das Wissen bleibt ein passives, man findet teilweise gar nicht richtig rein in das Thema, weil man es nie selbst formulieren muss. Das ganze Studium ist in erster Linie Informationsvermittlung. Man lernt keine Methode, sondern Inhalt. Dementsprechend werden auch keine Hausarbeiten geschrieben, sondern Klausuren und mündliche Prüfungen absolviert, für die es reicht, sich davor den dicken Stapel Mitschriften vorzunehmen.


Es hat dies System aber auch Vorteile, man weiß am Ende mehr. Möglicherweise auf einem weniger reflektierten Level, aber man weiß mehr. Ist der Dozent gut, so wie etwa Pascal Ludwig, so lernt man sehr viel, erhält eine breite Basis an Kenntnis verschiedenster philosophischer Theorien. Während in Deutschland Seminare manchmal Gefahr laufen, sich aufgrund ihrer liberalen Diskussionskultur zu verzetteln und ineffizient zu werden, geht es hier immer straff voran. Während in Deutschland manchmal eher mittelkompetente Studenten das Wort schwingen, hat hier allein die Kompetenz, der Dozent, das Wort.


Nachdem Ludwig sein letztes Wort zu Quines Unbestimmtheit der Übersetzung verloren hat, überlässt er uns der zweistündigen Mittagspause, die mich zunächst ins Restaurant Universitaire, das Resto U, die Mensa, führt, um dort mit einem mexikanischen Mathematiker zu Mittag zu speisen.


Weiter ist speziell in Frankreich, dass das Studium streng nach Jahren aufgebaut ist, wie die Schule. Man ist quasi in einer Klasse - hier in Rennes sind es etwa 30 Studenten pro Jahrgang - und hat einen festen Stundenplan. Nur ein oder zwei Kurse pro Woche kann man selbst wählen. Die ersten beiden Jahre heißen DEUG 1 und DEUG 2 (Diplôme d’études universitaires générales), das dritte Jahr heißt License und das vierte Maîtrise. Will man dann noch weitermachen, in Richtung einer Doktorats steuern, so macht man ein fünftes Jahr, das DEA (Diplôme d’études approfondies ), um danach mit der Doktorarbeit zu beginnen. Erst ab der Maîtrise ändert sich langsam ein bisschen der Arbeitsstil, man beginnt eigene Texte zu schreiben und verfasst am Ende über drei Monate, die aber häufig noch von Prüfungen durchsetzt sind, eine Art kleine Magisterarbeit. Diskussionen sind aber auch da noch nicht die Regel. Ein wirklich interessierter Student muss selbst aktiv werden, sich gleichgesinnte Studenten suchen oder die Dozenten aufsuchen. Die sind zumindest hier fast alle sehr angenehm und auch gerne zu Diskussionen bereit, wenn man auf sie zugeht.


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Die Innenstadt ist etwas entfernt vom Campus, dafür mit Flüsschen


Es gibt aber in Rennes eine Ausnahme, die es zu erwähnen gilt. Es gibt zwei Diskussionsgruppen, die sich vierzehntäglich abends treffen, eine zur analytischen Philosophie, die sich dieses Jahr mit „Demonstrativa“ beschäftigt und neuerdings auch eine zur politischen Philosophie. Sie sind beide von dem Prinzip eines Seminars, wie wir es kennen, inspiriert. Doch sind sie die gelenkte freie Diskussion eben kaum gewöhnt, und so geraten diese Abende oft zu etwas unsystematischen und unergiebigen Veranstaltungen.


Ein bisschen unergiebig ist auch der Kant-Kurs, der mich am Nachmittag erwartet, aber vielleicht war es auch eine dumme Idee, die 'Kritik der reinen Vernunft’ auf Französisch anzugehen. In jedem Falle ist er zu lang, diese Woche. Stellen generell die Kurse mit ihren zwei Zeitstunden meine Konzentration schon vor eine Herausforderung, so vollziehen sich die Ausführung zu Kant diese Woche wegen eines Ausfalls in der letzten Woche über vier Zeitstunden.


Vier Stunden Kant am Stück, das ist zu viel!


Soll ich noch ein paar abschließende Worte anfügen, so würde ich sagen, dass es Spaß macht, einmal hier in Frankreich Philosophie zu studieren, besonders jetzt im zweiten Semester, in dem meine Sprachfertigkeiten so weit gediehen sind, dass ich alles verstehe. Ein Jahr in diesem System jedoch reicht mir und ich freue mich wieder - wie ein kleines Kind - auf die teilweise etwas verzettelten Seminare in Deutschland.