von Daniel Santelmann
Studium in Frankreich: Rennes
Es
ist Dienstagmorgen, ich entscheide mich wegen knapper Zeit dagegen,
noch einen Kaffee zu kochen, und trete
aus dem Wohnheimsgebäude
ins Freie. Vor mir sehe ich weitere Wohnheime, dazwischen viel Grün,
es ist eine ganze Studentensiedlung, eine Cité Universitaire
oder kurz Cité
U. Ich atme die frische Luft ein, blicke kurz
in den wie so oft Regen ankündigenden Himmel und
marschiere
los Richtung Campus. Der ist gleich nebenan, keine 300 Meter habe
ich zu
laufen, um zur Philosophie zu gelangen, zur Bibliothek ist
es auch nicht viel weiter.
Wohnheim in der Cite U - es könnte schlimmer sein
Ankommende Erasmusstudenten werden hier alle erstmal in diese großen
und nicht
übermäßig gemütlichen Wohnheimskomplexe
verfrachtet, das hat aber auch den Vorteil,
dass man eine sichere
Unterkunft hat, die zudem nicht teuer ist. Ich zahle 124 Euro im
Monat, beziehungsweise letztlich nur 88, da der französische
Staat bereitwillig Studenten beim
Aufbringen ihrer Mietzahlungen
unterstützt. Allocation pour le logement (APL) heißt
diese Unterstützung und ich habe Leute getroffen, die für
ein WG-Zimmer, das sie 250 Euro
Miete kostet 120 Euro Unterstützung
im Monat erhalten. Wie genau sich diese Sätze errechnen, ist
jedem hier ein Mysterium, aber in jedem Falle relativiert diese
Institution die in
Frankreich sonst doch eher hohen Mieten in WGs
und Wohnungen. Und WGs gibt es hier, weniger als in
Deutschland
zwar, aber es gibt sie. Auch ich hatte eine Weile nach einem WG-Zimmer
gesucht, wollte den verschiedenen Unbillen der Cité U entfliehen
und die Vorteile des WG-Lebens auch
in Frankreich einmal erleben.
Nach ausgiebigem Suchen fand ich auch ein interessantes Objekt,
im Stadtzentrum, ein angenehmer Kontrast zum Campusgelände,
ich war zufrieden. Allein die Wohnung
brannte ab, bevor ich den
Umzug vollziehen konnte. Und so beende ich dies Jahr, wie ich’s
begonnen habe, im Wohnheim.
Zur
Fotoserie "Uni Rennes"
Bei den Gebäuden, in denen die
Philosophie gelehrt wird, angekommen,
springe ich noch schnell eine kleine Treppe hinunter und betrete
über einen leicht versteckten Eingang die Cafeteria, um mich
von einem Café
Crème und einem Pain au Chocolat in
den Kurs begleiten zu lassen. Ich habe begonnen, hier immer von
Kurs zu sprechen, weil es die Unterscheidung zwischen Seminar und
Vorlesungen nicht
wirklich gibt. Im Grunde gibt es vor allem keine
Seminare, wie wir sie in Deutschland kennen, es sind weder
regelmäßige
Referate, noch Diskussionen vorgesehen, nicht mal konkrete Textstücke
werden zum Lesen aufgegeben. Es sind quasi alles Vorlesungen (cours
magistral), aber ich nenne sie
Kurse.
In einen solchen also begleitet mich mein Kaffee und mein Pain
au Chocolat. In den Kursen essen und trinken tue ich nach wie vor
nicht so selbstverständlich
wie in Deutschland, d.h. Trinken
ist kein Problem, aber das gute Gebäckstück bleibt oftmals
bis zur Pause unberührt auf dem Tische liegen. Einfach weil
sofort zahlreiche Augenpaare
sich auf mich richten, wenn ich knisternd
in den Blätterteig beiße, die Franzosen essen nicht im
'Unterricht’. Die französischen Studenten tun überhaupt
so manches
nicht, was die deutschen tun. Sie kommen selten zu spät,
sie verlassen niemals vorzeitig eine
Veranstaltung, sie stellen
seltenst Fragen und sie diskutieren nicht mit ihren Kommilitonen
über Philosophie, weder innerhalb noch außerhalb der
Kurse.
Es ist ein Kurs über Quine, Willard van Orman Quine, bei einem
jungen goldgelockten Dozenten
mit Pausbäckchen und dem Namen
Ludwig, der schmunzelnd seine Powerpoint-Präsentationen, die
alle seine Kurse begleiten, mit kleinen Bild- und Ton-Effekten versieht.
Er ist ein guter
Dozent, mein Lieblingsdozent hier, er hat viel
Spaß an dem, was er macht, nicht nur an der Technik
sondern
auch an der Philosophie (besonders der analytischen), kann sehr
gut erklären
und die Powerpointpräsentationen, auf denen
er die zentralen Punkte zusammenfasst, sind
hilfreich.
Analytische Philosophie in Frankreich also? In Rennes ja. Zwei
Dozenten
des generell eher kleinen Instituts beschäftigen sich
ausschließlich mit diesem Zweig. Pascal
Ludwig und Filipe
Drapeau-Contim, der Rockstar des Instituts. Er ist noch ein Stückchen
jünger, trägt stets, auch während der Kurse, eine
Lederjacke und hat mit seiner blonden
Tolle, die ihm immer wieder
vor die Augen fällt, die Frisur eines Rockstars, oder vielleicht
doch eher Popstars? Jedenfalls cool. Wenn auch erstaunlicherweise
alle Frauen, die ich gefragt
habe, nicht übermäßig
von ihm beeindruckt waren. Ich finde ihn cool.
Doch ich verliere mich in Einzelheiten. Über das Philosophiestudium
in Frankreich
soll ich berichten.
Nun das Charakteristischste ist wirklich die Tatsache, dass
es
nur Kurse, also praktisch nur Vorlesungen gibt. Als Student sagt
man nichts, man
schreibt mit, und das wie gedopt, denn die Dozenten
haben viel zu sagen. Das hat natürlich die nahe
liegenden Nachteile:
Man setzt sich viel weniger selbst mit den Theorien auseinander,
das
Wissen bleibt ein passives, man findet teilweise gar nicht richtig
rein in das Thema, weil man es nie
selbst formulieren muss. Das
ganze Studium ist in erster Linie Informationsvermittlung. Man lernt
keine Methode, sondern Inhalt. Dementsprechend werden auch keine
Hausarbeiten geschrieben, sondern
Klausuren und mündliche Prüfungen
absolviert, für die es reicht, sich davor den dicken
Stapel
Mitschriften vorzunehmen.
Es hat dies System aber auch
Vorteile, man weiß am Ende mehr.
Möglicherweise auf einem weniger reflektierten Level, aber
man weiß mehr. Ist der Dozent gut, so wie etwa Pascal Ludwig,
so lernt man sehr viel,
erhält eine breite Basis an Kenntnis
verschiedenster philosophischer Theorien. Während in
Deutschland
Seminare manchmal Gefahr laufen, sich aufgrund ihrer liberalen Diskussionskultur
zu verzetteln und ineffizient zu werden, geht es hier immer straff
voran. Während in Deutschland
manchmal eher mittelkompetente
Studenten das Wort schwingen, hat hier allein die Kompetenz, der
Dozent, das Wort.
Nachdem Ludwig sein letztes Wort zu Quines Unbestimmtheit
der Übersetzung
verloren hat, überlässt er uns der zweistündigen
Mittagspause, die mich zunächst ins Restaurant Universitaire,
das Resto U, die Mensa, führt, um
dort mit einem mexikanischen
Mathematiker zu Mittag zu speisen.
Weiter ist speziell in Frankreich, dass das Studium streng nach
Jahren aufgebaut ist, wie die Schule.
Man ist quasi in einer Klasse
- hier in Rennes sind es etwa 30 Studenten pro Jahrgang - und hat
einen festen Stundenplan. Nur ein oder zwei Kurse pro Woche kann
man selbst wählen. Die ersten
beiden Jahre heißen DEUG
1 und DEUG 2 (Diplôme d’études universitaires
générales), das dritte Jahr heißt License und
das vierte Maîtrise. Will man
dann noch weitermachen, in Richtung
einer Doktorats steuern, so macht man ein fünftes Jahr, das
DEA (Diplôme d’études approfondies ), um danach
mit der Doktorarbeit zu
beginnen. Erst ab der Maîtrise ändert
sich langsam ein bisschen der Arbeitsstil, man beginnt
eigene Texte
zu schreiben und verfasst am Ende über drei Monate, die aber
häufig noch von Prüfungen durchsetzt sind, eine Art kleine
Magisterarbeit. Diskussionen sind aber
auch da noch nicht die Regel.
Ein wirklich interessierter Student muss selbst aktiv werden, sich
gleichgesinnte Studenten suchen oder die Dozenten aufsuchen. Die
sind zumindest hier fast alle sehr
angenehm und auch gerne zu Diskussionen
bereit, wenn man auf sie zugeht.
Die Innenstadt ist etwas entfernt vom Campus, dafür mit Flüsschen
Es gibt aber in Rennes eine Ausnahme, die es zu erwähnen gilt.
Es gibt zwei Diskussionsgruppen, die
sich vierzehntäglich abends
treffen, eine zur analytischen Philosophie, die sich dieses Jahr
mit „Demonstrativa“ beschäftigt und neuerdings
auch eine zur politischen
Philosophie. Sie sind beide von dem Prinzip
eines Seminars, wie wir es kennen, inspiriert. Doch sind sie
die
gelenkte freie Diskussion eben kaum gewöhnt, und so geraten
diese Abende oft zu
etwas unsystematischen und unergiebigen Veranstaltungen.
Ein bisschen unergiebig
ist auch der Kant-Kurs, der mich am Nachmittag
erwartet, aber vielleicht war es auch eine dumme Idee, die
'Kritik
der reinen Vernunft’ auf Französisch anzugehen. In jedem
Falle ist er
zu lang, diese Woche. Stellen generell die Kurse mit
ihren zwei Zeitstunden meine Konzentration schon vor
eine Herausforderung,
so vollziehen sich die Ausführung zu Kant diese Woche wegen
eines Ausfalls in der letzten Woche über vier Zeitstunden.
Vier Stunden Kant am Stück, das ist zu viel!
Soll ich noch ein paar
abschließende Worte anfügen,
so würde ich sagen, dass es Spaß macht, einmal hier in
Frankreich Philosophie zu studieren, besonders jetzt im zweiten
Semester, in dem meine
Sprachfertigkeiten so weit gediehen sind,
dass ich alles verstehe. Ein Jahr in diesem System jedoch reicht
mir und ich freue mich wieder - wie ein kleines Kind - auf die teilweise
etwas
verzettelten Seminare in Deutschland.